So goth

Da ja erst kürzlich ein mehr oder - man möchte dies nicht hoffen - weniger zielgerichtet agierender Witzbold hier fragte, was ihn vom Poser zum Goth mache und, neben den zu erwartenden Reaktionen wie üblich die Antwort mitschwang, dass wir ja allle gar keine Goths seien, fragte ich mich wieder einmal ernsthaft, was mich der schwarzen Szene eigentlich zuordnet. Dass ich schwarze Klamotten und Piercings trage, in dssg poste und Gottfried Benn lese, mag einen konsistente Ausschnitt aus dem Gesamtbündel meiner Eigenschaften ausmachen, macht mich aber noch lange nicht zum Goth. Als Fahrradfahrer bin ich nämlich auch sehr von Sonnenschein begeistert, möche mein Zimmer weiterhin gelb streichen, mag Katzen auch wenn sie nicht komplett nachtschwarz sind und kann auch Zufriedenheit empfinden, ohne mir allabendlich zur Dämmerzeit den Dolch der Melancholie glänzend geschärft ins Herz zu stechen. Sanfte Wehmut erfasste mich also bei dem Gedanken, dass ich eigentlich ganz und gar nicht Goth bin, mich nicht einmal annähernd in eine der grossen Schubladen stecken lasse, in denen man ach so bequem in die weichfaulende Inpidualität der bereits Drinnenliegenden einsinken kann. Nicht inpiduell und nicht schubladenkompatibel - der Zeigefinger der Zeitgeschichte weisst mir meinen Platz - nein, nicht dahin, nicht dahin....in die Masse. Das muss man erst einmal verdauen, da ich allerDings ohnehin gerade dabei war, den Siemens Kantinenfrass zu zersetzen, fiel kein nennenswerter Mehraufwand an.

Doch heute morgen geschah etwas, die Schublade öffnete sich ohne den Hauch eines Knarrens (heraus drang ein leichtes Serverraumsurren)und ich wurde eingelassen - ungeschminkt, in schlichtem Schwarz gekleidet, statt Patchouli nur das Nivea-Deo-Imitat vom DM-Markt auf der Haut.
Es war die fleischfressende Pflanze auf meiner Küchenfensterbank, die altbekannte Venusfliegenfalle, die schon in Biene Maja grosses Entsetzen verbreitete, als sie versuchte, Flip, den Grasshüpfer zu fressen. In der Episode kann sich Flip natürlich retten, indem er sich nach draussen frisst und alle Kinder sind entsetzt, aber glücklich. In meiner Version wäre Maja Wochen später zu Füssen der Venusfliegenfalle auf das ausverdaute Exoskelett von Flip samt seines Zylinders gestossen, hätte daraufhin in ihrer Verzeiflung den Bienenstock angezündet und wäre mit Willy - der gerade sein homosexuelles Coming-Out hinter sich gebracht hat - geflohen, wo die beiden auf Futtersuche in einem Mülleimer elend an verbotenerweise aus Südaufrika importierten chemischen Inhaltsstoffen wie Xylol aus den Speiseeisresten an einer Langnese Verpackung zu Tode kommen. Im Hintergrund das debile Gekreisch spielender Kinder.

Jedenfalls sah die Pflanze, trotz Gießen mit abgestandenem Wasser aus dem Brunnen im Hof, wie beim Kauf immer noch recht kränklich aus und mir war schon zuvor die Idee gekommen, sie zu füttern. Wie durch Zufall hatte sich heute morgen eine winzige Raupe auf den Pflanzenunterteller verirrt. Da stand ich und sah sie an, kalt entschlossen, sie zum Mittel meiner Fütterung zu machen. Mir kamen ethische Bedenken, weil selbige angesichts der beschossenen Verfütterung ausblieben wie konnte ich entscheiden, wer zu überleben hatte, wie konnte ich mir anmassen, die Pflanze meine Pflanze! höher einzuschätzen als die Raupe? Die moralische Keule lag aber reglos, es erschien mir völlig sinnvoll und richtig, die Raupe an die Pflanze zu verfüttern. Ich verfütterte sie, in meinem kleinen Küchenpflanzendespotentum, ich verfütterte sie einfach und fand es korrekt! Eine Blattlaus mein Basilikum bedrängend, allerDings schon deutlich geschwächt folgte, fasziniert betrachtete ich, wie sich die Fangblätter der Venusfliegenfalle langsam aber gezielt in ihrer naturgerechten Grausamkeit schlossen. Dann ging ich zur Arbeit, zufrieden, als ob nichts wäre. Die Pflanze verdaut jetzt.

Und ich sitze hier, habe ohne Notwendigkeit, nur zu meinen Vergnügen getötet und weiss in meinem tiefsten Inneren, das sich schon wieder auf das Mittagessen vorbereitet, dass ich gerade deswegen, so unglaublich, so abgründig GOTH bin und leben muss, mit meiner Schuld, mit dem Tod in mir, ein einsames Kind der Küchenpflanzennacht.


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